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Zukunftstechnologie statt Kernenergie
Über diverse politische Lager hinweg dürfte es als nahezu unbestritten gelten, vor großen energiepolitischen Herausforderungen zu stehen. Wie sich diese Herausforderungen allerdings darstellen und noch viel mehr, wie es diesen zu begegnen gilt, darüber scheiden sich jedoch die Geister bereits erheblich.
Dabei polarisiert wiederum in der energiepolitischen Debatte derzeit kaum eine Frage so sehr wie die der Nutzung der Kernenergie. Zur Urteilsfindung empfiehlt es sich, als Maßstab einige der relevantesten Kriterien wie beispielsweise den Anteil am Gesamtenergieverbrauch, Versorgungssicherheit, Energiebereitstellungskosten, Emmissionsbelastung sowie nicht zuletzt den Sicherheitsaspekt heranzuziehen und unter dem Blickwinkel realistischer Zielsetzungen für den Zeitraum des vorgesehenen Auslaufens der Kraftwerkslaufzeiten zu betrachten.
Vorab ist es zunächst einmal wichtig darauf zu verweisen, daß die Frage der Kernenergienutzung überhaupt nur für einen bestimmten Teil der Energieversorgung relevant ist, und zwar allein für die Stromversorgung, da die Kernenergie beispielsweise zur Wärmegewinnung und Treibstoffversorgung nichts beiträgt. Von daher darf der Beitrag der Kernenergie für die Gesamtpalette der Energieversorgung auch nicht überschätzt werden, wie man uns seitens der großen Energieversorgungsunternehmen immer wieder zu suggerieren versucht. Der Anteil des Atomstroms am gesamten Endenergieverbrauch beträgt gerade einmal um die 2,5 Prozent und nicht mehr. Ob es vertretbar ist, dafür erhebliche Sicherheitsrisiken in Kauf zu nehmen, darf berechtigt hinterfragt werden, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, daß es auch in Hochtechnologieländern – siehe jüngst in Forsmark – zu gefährlichen Störfällen kam.
Störfälle auch in Deutschland
Doch auch in deutschen Kernkraftwerken häuften sich in der Vergangenheit nicht unerhebliche Störfälle, zum Teil wird von mehr als hundert jährlich gesprochen. Allein in jüngster Zeit gelangten einige medial ans Licht der Öffentlichkeit. Dem Verfasser sind aber auch sieben Störfälle ernstzunehmender Natur im Zeitraum von 1977 bis 2005 in deutschen Kernkraftwerken bekannt, die unter etwas weniger glücklichen Umständen – oder besser Zufällen – zu erheblichen Katastrophen hätten führen können. Schwerwiegende Krankheitsfälle, teilweise sogar mit Todesfolge, sind aufgetreten. Die älteren der momentan in Deutschland in Betrieb befindlichen Kernkraftwerke würden gemessen an den gegenwärtigen Sicherheitsanforderungen heute keine erneute Betriebsgenehmigung mehr erhalten, weshalb die derzeitigen Versuche seitens der Atomlobby, eine Übertragung von Restlaufzeiten ausgerechnet von den jüngeren auf diese älteren Kraftwerke wie Biblis A, Brunsbüttel und Neckarwestheim 1 zu erreichen, als aberwitzig bezeichnet werden dürfen. Allzu offensichtlich geht es hier den sogenannten »Energieriesen« einzig darum, mittels bereits abgeschriebener Kraftwerke privatwirtschaftliche Gewinnmaximierung zu betreiben. Nicht zu vergessen, daß es nach wie vor nirgendwo auf der Welt ein Endlager für den anfallenden, über Jahrtausende hindurch hochradioaktiven Atommüll gibt.
Betrachten wir die Bedeutung des Atomstroms speziell für Deutschland: Derzeit kommen in Deutschland 26 Prozent des Stroms aus Atomkraftwerken, wobei mit in Betracht gezogen werden sollte, daß Deutschland auch Strom exportiert, d.h. eine Stromüberkapazität vorherrscht. Hierzu ein interessanter Vergleich: Insgesamt stehen in der Bundesrepublik über 110 Gigawatt Kraftwerksleistung zu Verfügung. Am Tag mit dem höchsten Stromverbrauch des Jahres 1997 wurden aber beispielsweise nur 73 Gigawatt beansprucht, dies ergibt eine Differenz von 27 unbenötigten Gigawatt. Die Leistung aller Atomkraftwerke in Deutschland beträgt aber in etwa nur 23 Gigawatt.
Betrachtet man vor dem Hintergrund dieses Vergleiches die Potentiale der sogenannten erneuerbaren Energien und die Einsparmöglichkeiten im Rahmen der Energieeffizienzsteigerung, kann nicht länger von einer zukünftigen Notwendigkeit der Kernenergienutzung gesprochen werden. Zur Verdeutlichung ein weiterer Vergleich: Würden die Verbraucher allein den Leerlauf, verursacht durch »Stand-by-Betrieb« von Computern samt Bildschirm und Drucker, abstellen und sämtliche Umwälzpumpen der Heizanlagen der Ein- und Zweifamilienhäuser durch neue Modelle ersetzen, könnten bereits dadurch drei (!) Kernkraftwerke abgeschaltet werden.
Wenngleich auch aufgrund des Effizienzsteigerungspotentials nicht in isolierten Substitutionsschritten gerechnet werden sollte, so ist es aber durchaus angebracht, darauf zu verweisen, daß das ursprüngliche Ziel des »Erneuerbare-Energien-Gesetzes« (EEG), einen Stromanteil bis 12,5 Prozent aus erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2010 zu erreichen, schon 2007 überschritten wird. Folglich ist bei dieser Entwicklung der erneuerbaren Energien im Zusammenhang mit dem vorherrschenden technologischen Fortschritt nicht anzunehmen, daß im Jahr 2021 (!), wenn laut gültigem »Atomkompromiß« das letzte Atomkraftwerk, Neckarwestheim 2, voraussichtlich abgeschaltet wird, mit Versorgungsengpässen zu rechnen ist. Zumal sich die Erfahrung bestätigen dürfte, daß die Technologiesprünge der jungen Technologien im Bereich der erneuerbaren Energien größer sein dürften, als bei der schon lange eingeführten »Dinosauriertechnologie« Atomkraft.
Würde man darüber hinaus weiter auf Atomstrom setzen wollen, hätte dies aus Sicherheitsaspekten zwangläufig den Bau neuer Kraftwerke zur Folge, womit man die überkommenen zentralistischen Energieversorgungsstrukturen aufrecht erhalten würde – zu Lasten bzw. auf Kosten der Verbraucher. Mit dem Umstieg auf erneuerbare Energien ist aber auch der Strukturwandel zu breit gestreuten dezentralen Anlagen im Sinne des Prinzips der raumorientierten Volkswirtschaft realisierbar. Ein derart gestaltetes modales System hülfe wiederum erhebliche Leitungs- und Transformationsverluste vermeiden, was sich ebenfalls bei den Kosten niederschlüge, da die Stromübertragungskosten das Gros des heutigen Strompreises ausmachen. Und auch die Erhöhung energetischer Wirkungsgrade über Kraft-Wärme-Kopplung erfordert dezentrale Strukturen, die mit der Kernenergienutzung nicht nur keineswegs vereinbar sind, sondern durch weitere Investitionen in die kapitalintensive Kernenergienutzung zudem auf Jahrzehnte hin verbaut würden.
Billiger Atomstrom?
Womit wir bei einem der nächsten Aspekte angelangt wären, nämlich dem, ob denn der Atomstrom tatsächlich billiger ist, wie tatsachenwidrig immer wieder behauptet wird. Die Atomkraftwerke sind allein in Deutschland aus Steuergeldern mit über 50 Milliarden Euro subventioniert worden, wobei noch die Kosten für zahlreiche Castortransporte und die noch ungeklärte Endlagerung stets unterschlagen werden. Eine aktuelle Studie des DIW vom Juli 2007 belegt, daß der Bund allein seit 1974 für die nukleare Energieforschung und -technologie Haushaltsmittel in Höhe von rund 24 Mrd. Euro ausgegeben hat. Die Forschungsausgaben für erneuerbare Energien und das gesamte Feld der rationellen Energieverwendung betrugen dagegen im gleichen Zeitraum zusammen nur rund. sechs Mrd. Euro. Während aber die erneuerbaren Energien durch Serienfertigung und technologische Optimierung permanent billiger werden, steigen die fossilen und atomaren Kosten ständig an. Zudem sind die abbaurelevanten Welturanvorräte weitaus geringer als Öl und Gas, weshalb allein aufgrund dieser Ressourcenknappheit mit weiter explodierenden Preisen gerechnet werden darf. Doch selbst zu Zeiten, in denen das Uran noch billiger war, hätten die AKWs ohne die staatlichen Subventionen nicht kostendeckend arbeiten können. Nicht zu vergessen, daß Deutschland bezüglich des Rohstoffes Uran seit längerem eine hundertprozentige Importabhängigkeit aufweist und diesem Umstand nicht allein aus Kostengründen, sondern vor allem auch aus Gründen der vielzitierten Versorgungssicherheit Rechnung getragen werden sollte.
In diesem Zusammenhang wird von den Kernenergiebefürwortern gerne die sogenannte »Brütertechnologie« ins Feld geführt. Doch dazu ist nur festzustellen, daß es sich hierbei um den wohl größten und leider auch kostspieligsten Flop der Technologiegeschichte handeln dürfte. Man kann die »Brütertechnologie« getrost als gescheitert bezeichnen. Der deutsche Prototyp in Kalkar kostete rund fünf Milliarden Euro, die der Verbraucher über höhere Strompreise bezahlte, und ging nie in Betrieb. Die knapp 500 Mio. Euro, die für die Fusionsforschung zukünftig noch auf Deutschland entfallen sollen, wären sinnvoller einsetzbar, insbesondere, wenn man in Betracht zieht, daß dabei erst bis Mitte des Jahrhunderts ermittelt werden soll, ob ein rentables Betreiben überhaupt möglich ist, und erst dann ein Kraftwerk gebaut werden könnte. Bis dahin müssen unsere energiepolitischen Herausforderungen jedoch längst gelöst sein, weshalb diese Mittel stattdessen vorrangig für die weitere Erforschung der erneuerbaren Energien und die Entwicklung von Speichertechniken Verwendung finden sollten.
Kernenergie und Klima-Debatte
Nicht unerwähnt bleiben darf, daß – vielen Widersprüchen zum Trotz –umsetzungstaugliche Speichertechnologien wie neue Batterie- und Schwungradtechniken oder Pumpspeicherwerke schon existieren, deren praktische Einführung allerdings auch die breite Anwendung erneuerbarer Energien zur Voraussetzung hat. Im übrigen sind beispielsweise Erddruckluftkraftwerke technologisch einfacher und wesentlich kostengünstiger als die Abscheidung und Speicherung von CO² oder/und die Lagerung von Atommüll.
Ein weit verbreiteter Irrtum ist auch, daß die Kernenergienutzung klimaschonend wäre. Dem ist mitnichten so, denn Atomkraft ist eben nicht CO²-frei. Denn zumeist wird dabei übersehen, welche Mengen an Treibhausgasen allein schon beim Bau von Kernkraftwerken und vor allem im Zuge der Urangewinnung freigesetzt werden. Ein wesentlicher Aspekt ist auch die energieintensive Anreicherung des Urans, um es als Brennstoff nutzbar machen zu können. Dieser Energiebedarf wird zumeist von der Kernkraftlobby aus den CO²- und Energiebilanzen ausgeklammert. Nicht zu vergessen ist, daß der Betrieb eines großen deutschen AKWs gleichzeitig den jährlichen Abbau von in etwa einer halben Million Tonnen radioaktiven Gesteins mit der Folge des Ausstoßes von radioaktivem Radon in die Umwelt bedeutet. Bei der Vorbereitung der Brennstäbe für die Zwischenlagerung entsteht im Zuge der Wiederaufbereitung das radioaktive Gas Krypton 85.
Bilanziert man die Treib-hausgasemissionen verschiedener Stromerzeugungsoptionen, wird deutlich, daß selbst ein Blockheizkraftwerk auf Erdgas-Basis mit der CO²-Bilanz von Atomstrom mithalten kann, wie jüngst in einer Studie vom März 2007 nachgewiesen wurde. Je nach dem Uranherkunftsort produziert ein deutsches Atomkraftwerk zwischen 31 und 61 Gramm CO² je Kilowattstunde Strom. Aus diesem Grunde geht es schlicht und ergreifend an den Tatsachen vorbei, wenn im Zuge der aktuellen Klimadebatte die Kernenergie wieder angepriesen wird. Wenn dem so wäre, müßten die USA als Betreiber der weltweit meisten Atomkraftwerke (103) die »Klimaschützer Nummer 1« sein, doch das genaue Gegenteil ist bekanntlich der Fall!
Zuletzt verbleibt noch, auf den Aspekt der Grundlastfähigkeit bei den fossilen Kraftwerken und hier speziell auf die von den AKWs erbrachte Energieversorgung einzugehen und die Frage zu beantworten, ob vielleicht aus diesem Grunde eine Reserveleistung auf Kernenergiebasis vonnöten wäre. Dazu nur soviel: Biomasse, Wasserkraft, Geothermie sind grundlastfähig, und die »Offshore-Windenergie« ist diesbezüglich auch nicht mit den Windenergieanlagen an Land zu vergleichen. Nicht grundlastfähig ist allein der Solarstrom, der – wie auch die Windkraft – dafür für die Spitzenlast von Relevanz ist, d.h. die Grenzkosten konventioneller Stromerzeugung senkt und damit einen preisstabilisierenden und -senkenden Effekt hat. Darüber hinaus zeigte im Juni 2007 ein erfolgreiches Demonstrationsprojekt auf, daß in Deutschland ein sog. virtuelles Kraftwerk eine bedarfsgerechte Stromversorgung vollständig aus dezentralen erneuerbaren Energieerzeugern aufgrund intelligenter Steuerungs- und Regeltechnik bei Gewährleistung notwendiger Netzstabilität sicherstellen konnte.
Abschließend ist also festzustellen, daß ein Festhalten an der Kernenergie keine Versorgungsnotwendigkeit darstellt, dafür aber unkalkulierbare Risiken in sich birgt, keinen Beitrag zum Klimaschutz leistet, dafür aber überkommene Infrastrukturen aufrecht erhält, keine kostenspezifischen Preisvorteile bietet, dafür aber einen hohen Grad an Abhängigkeit aufweist. Hinzu kommt die im Vergleich zur Kernkraftwerksbranche weitaus weniger kapital-, aber dafür wesentlich beschäftigungsintensivere Weltmarktführerschaft Deutschlands bei den erneuerbaren Energieanlagen. Von daher ist nicht ersichtlich, weshalb am Zeitstrahl des vereinbarten Atomausstiegsprozedere Hand angelegt werden sollte, es sei denn, um sich früher als geplant von der Kernenergienutzung zu verabschieden.
Dieser Beitrag erschien im September zuerst in Ausgabe 3 der Zeitschrift Umwelt & Aktiv (www.umweltundaktiv.de).
Sascha A. Roßmüller
Quelle: Deutsche Stimme
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